Shanghai – Der Westen Chinas

Ja, ja, ich weiß es eh‘. Shanghai liegt so’was von überhaupt nicht im Westen Chinas, sondern im Südosten. Daher an alle meine Schlaumeier: Bitte Geduld haben.

Wir haben Shanghai als unsere „chinesische Schnupperstadt“ ausgewählt. D.h. wir wollten, bevor wir eine lange und ernsthafte Reise nach und durch China planen und durchführen, einen (relativ) kurzen Aufenthalt im echten China haben, um zu sehen wie und wie gut wir hier mit unserer Art zu Reisen und unseren Erwartungen und Anforderungen zurechtkommen.

Warum sage ich „im echten China“? Wir waren 2016 schon ‚mal für zwei Wochen in Hong Kong. Aber das war damals noch vor den Niederschlagungen der Demonstrationen und Hong Kong war damals noch so gut wie gar nicht unter Pekings Fuchtel. Deswegen spürten/bemerkten wir damals von China so gut wie nichts.

Basierend auf all dem was wir bisher über die wirklich großen chinesischen Städte gehört, gelesen, recherchiert und erfahren haben, fiel unsere Wahl auf Shanghai, als moderne, weltoffene, westlich ausgerichtete, vielerorts englischsprachige (weniger in Wort, aber zumindest in Schrift) multikulturelle Mega-Großstadt, schien sie uns als China-Probe-Stadt am geeignetsten.

Und genau als solche haben wir sie erlebt, in den 11 Tagen die wir hier verbrachten. Uns hat Shanghai sehr gut gefallen. Viel besser als erwartet. Wir haben uns hier von Beginn an gut zurechtgefunden. Mit Englisch kommt man hier praktisch überall weiter. Und Susanne hat mit ihren Chinesisch-Kenntnissen auch ein klein wenig auftrumpfen können.

Worauf wir mehrfach hingewiesen wurden und sich auch bewahrheitet hat ist, dass man ein Smartphone und ein paar grundlegende Apps haben sollte. Es geht um die Bezahlung aller Dinge die man hier so kauft, isst oder macht. Ja, man kann auch mit Bargeld bezahlen. Aber das ist wirklich mühsam. Möglicherweise funktionieren mancherorts unsere europäischen Kreditkarten, aber das ist ungewiss und außer im Hotel, haben wir das nirgendwo probiert. Tatsächlich läuft hier alles über AliPay und WeChat. Bezahlen in Geschäften, beim Essen, bei Sehenswürdigkeiten, bei Unternehmungen, Taxifahrten und U-Bahn und Bus. Vor allem bei unseren zahlreichen Fahrten mit der Metro wäre es ein irrer Aufwand jedesmal am Ticket-Automaten zwei Tickets mit Bargeld zu kaufen, anstatt einfach das Smartphone mit dem AliPay-Transportcode (als QR-Code am Display) an die Durchgangssperre zu halten.

Kombiniert mit den Millionen Überwachungskameras, die – sicherlich nicht nur im öffentlichen Raum – allerorts in alle Richtungen überwachen, wird mit Apps wie AliPay und WeChat die Bewegungs-Kontrolle der Bürger und Touristen perfekt komplettiert. Der chinesische Staat weiß unter Garantie wesentlich genauer, wann und wie lange wir wo waren, als wir es wissen. Aber vor allem als Touristen ist uns das am Ende doch irgendwie egal. Als chinesischer Staatsbürger wäre es mir vielleicht nicht so egal, aber da hätte ich dann ja auch keine andere Wahl.

Ich muss leider gestehen, dass ich den gesamten Aufenthalt in China hindurch, permanent ein unangenehmes Gefühl des kontrolliert und beobachtet werdens hatte. Ohne, dass es tatsächlich einen konkreten Anlass oder Vorkommnis dafür gab. Es herrscht eine wirklich hohe Präsenz an Polizei. Speziell in Fußgängerzonen, Parks, Metro-Stationen, oft mit Hunden, meist nicht nur einzelne Polizisten, sondern ganze Rotten. Wir sind auch zahlreichen mobilen Polizeistationen begegnet – quasi Wohnwagen die eine Polizei-Wachstation beinhalten und rasch dorthin gebracht werden können wo man sie braucht.

Hinzu kommt, dass bei jedem Zugang zur Metro und bei allen Sehenswürdigkeiten immer lückenlose Gepäckkontrollen durchgeführt werden. Meistens jedoch ausgesprochen dilettantisch und unserer Meinung nach mehr als zweifelhaft sinnvoll. Aber möglicherweise geht es hier auch mehr um die Vermittlung des Gefühls kontrolliert zu sein und weniger darum tatsächlich sinnvolle Kontrollen durchzuführen. Denn psychologisch wird dieses Gefühl des kontrolliert zu seins, bei den meisten „aufrührerischen Gedanken“ schon ‚mal unterdrücken. Und schlussendlich gibt es eben überall, und ich meine wirklich ÜBERALL, zahllose Überwachungskameras. Man kann sich das nur schwer vorstellen, bis man es tatsächlich gesehen hat. Aber alle Bilder die wir in Europa von „chinesischen Überwachungskamera-Cluster“ kennen, sind kein Fake.

Was die Menschen hier angeht, bin ich ein klein wenig zwiegespalten. Ganz klar muss ich sagen, dass die Leute, denen wir begegneten und mit denen wir zu tun hatten, wesentlich freundlicher und netter waren, als wir es erwartet hatten. Wir hatten primär mit eher jungen oder jüngeren Menschen zu tun, welche durchwegs höflich, ruhig und freundlich waren. Sehr angenehm und erfreulich.

Aber es gibt da auch eine andere Seite, die leider ein bei uns verbreitetes Klischee ganz massiv bestätigt hat. Das Bild von den lauten, schreienden, rüpeligen, drängelnden, rücksichtslosen, rotzenden und spuckenden Chinesen ist leider kein Gerücht. Die gibt es tatsächlich auch. Sie sind – dort wo wir waren – definitiv in der Minderzahl. Aber sie fallen leider sehr deutlich auf. Und sie bemerken das selbst scheinbar gar nicht. Wir haben den Eindruck, dass es vorwiegend ältere Personen sind. Und dass es eher Leute vom Land sind. Bitte nicht fragen woran ich das festmachen will, es ist ein Eindruck den diese Menschen vermitteln. Und es sieht auch so aus, als würden sie sich in Gruppen noch ein bisserl unangenehmer benehmen als einzeln.

Ein paar Bespiele… etwas ältere Frauen, die im Augenblick des Öffnens der U-Bahn-Türen wild in den Wagon hineindrängeln, völlig egal wieviele Leute eben noch aussteigen wollen. Dann wie Schulkinder zum nächsten freien Sitzplatz stürmen, gegebenenfalls menschliche Hindernisse beiseite schubsen und sich u.U. auch noch einen Kampf um diesen Sitzplatz liefern. Oder kahlköpfige, braungebrannte Männer, die breitbeinig mitten im U-Bahn-Wagon stehen, das Smartphone in der Hand und mit weitaus mehr als Zimmerlautstärke TikTok-Videos plärren lassen oder noch lauter im Freisprechmodus mit anderen genauso plärrenden Gesprächspartnern videofonieren. Oder Frauen die neben dir stehend quer durch den Raum oder über den Platz, durch dich hindurch anderen Familienmitgliedern etwas zuschreien, dass du denkst, ab nun wirst du nie wieder etwas hören können. Und alle sind völlig überrascht, wenn du versuchst ihnen mit bösen Blicken irgendwie Einhalt zu gebieten. Tatsächlich bemerken sie gar nicht, wie vielen Menschen in ihrem Umfeld sie auf den Geist gehen, also nicht nur uns, sondern auch anderen Chinesen.

Uns erschien es überhaupt so als würde drängeln und schubsen und seitlich in Menschenschlangen „hineinsickern“ ein tief verankertes Kulturgut der älteren Bevölkerung zu sein. Aber was soll ich sagen, es ist deren Land und deren Kultur und nicht meine. Ich bin nur zu Gast hier. Und andererseits ist es schön zu sehen, dass es die jungen Menschen oftmals auch stört, und dass diese vermehrt versuchen anders zu sein und das Gehabe ihrer Eltern- und Großeltern-Generationen hinter sich zu lassen.

Wie in allen asiatischen Ländern sind auch hier allerorts massig Klimaanlagen verbaut, das heißt in Shopping Center, Restaurants, Cafes, Passagen und in der U-Bahn. Anders als in anderen asiatischen Ländern sind sie hier aber auf ein wesentlich moderateres Niveau eingestellt, als beispielsweise in Thailand oder Vietnam, wo man nur die Wahl hat zwischen Tod durch höllenfeuerartige Hitze draußen oder Tod durch Erfrieren drinnen. Das ist nicht nur ökologischer sondern hat auch lebensverlängernde Auswirkungen und hat uns gut gefallen.

Wirklich toll fanden wir das U-Bahn Netz in Shanghai. Shanghai ist natürlich eine riesengroße Stadt mit 26 Millionen Einwohnern. Enorm viel größer als Wien. Hier gibt es 18 verschiedene U-Bahnlinien, jede mit 20 oder mehr Stationen und vielen Kreuzungspunkten untereinander. Beispielsweise ist der Flughafen direkt mit der Innenstadt verbunden, über eine der wichtigsten und längsten U-Bahnlinien der Stadt. Man fährt zwar über eine Stunde, aber so sind wir trotz heftigen Regens trockenen Fußes vom Hotelzimmer bis zum Boarding in unseren Flieger gekommen. Dumm fanden wir jedoch die Gepäckskontrollen, wie ich bereits erwähnt habe. Aber vielleicht bin ich auch nur nicht ausreichend schlau um den Sinn dahinter zu erkennen.

Was uns auch aufgefallen ist, dass der Straßenverkehr merklich leiser ist als bei uns. Tatsächlich sind in Shanghais Innenstadt, fast nur noch Elektroautos unterwegs. Die Minderzahl sind Autos mit Verbrennungsmotor, dabei handelt es sich aber in den meisten Fällen um Luxuskarossen (Range Rover, Defender, Porsche, Lotus, Lamborghini, Ferrari, Mercedes AMG, BMW M oder ähnliches) bei denen das jeweils typische Motorengeräusch ja einen erklecklichen Teil des Anschaffungspreise ausmacht.

Und natürlich LKWs, die sind auch in den meisten Fällen alt und mit Verbrenner-Motor ausgestattet. Wobei von denen überhaupt nur wenige innerstädtisch unterwegs sind.

Angeblich(!) ist es so, dass du als Chinese, ein Elektroauto relativ einfach und günstig kaufen kannst und dafür auch problemlos eine Zulassung bekommst. Im Gegensatz dazu werden die Zulassungen für Verbrennermotoren via Lotterie verteilt und sind dann zusätzlich noch extrem teuer. Kann man machen, in einer Autokratie (hat natürlich nichts mit Auto zu tun).

Ein Klischee, das sich nicht bewahrheitet hat, ist sie Sauberkeit, also eigentlich das Gegenteil, die „Schmutzigkeit“ in China. Es liegt nur ganz wenig Müll auf den Straßen herum, deutlich weniger als in Wien (leider!). Es sind überall Straßenkehrer unterwegs, die ziemlich gelangweilt aber doch für Sauberkeit sorgen. Ebenso sahen wir immer wieder Straßenkehrmaschinen, die völlig sinnbefreit herumgurkten, aber scheinbar trotzdem irgend’was bewirkten.

Aber es gibt noch immer Chinesen – und schon wieder waren es eher ältere Menschen – die ihren Müll einfach aus der Hand auf die Straße fallen lassen und das scheinbar als ganz normal erachten, selbst wenn der nächste Mülleimer nur wenige Schritte entfernt ist.

Noch eine kurze Anmerkung zum massiv überstrapazierten Thema „Essen in China“. Ich kann bestätigen, dass das Essen in Shanghai wirklich vorzüglich ist. Wir haben uns bemüht nicht in Touristen-Abspeisen zu essen, sondern haben nach Lokalen gesucht, die vorwiegend von Chinesen (Shanghaier oder chinesische Touristen) besucht werden. Und wir haben immer köstlich gespeist.

Und noch eine Anmerkung zum Thema „Hochhäuser/Skyline/Wolkenkratzer“. Shanghai ist unter anderem berühmt für seine Skyline. Diese befindet sich im Finanzdistrikt Lujiazui (Pudong). Mich haben die vier Haupt-Protagonisten (…ich weiß, dass es so etwas nicht gibt, aber es klingt passender..) aber eigentlich das ganze Finanzviertel stark beeindruckt. Ich steh‘ auf moderne Hochhaus-Architektur.

  1. Shanghai Tower: mit 632m das höchste Gebäude Chinas; mit 561m die höchste Aussichtsplattform der Welt; mit 74km/h die schnellsten Aufzüge der Welt; 1000 Tonnen schwerer mit Wirbelstrombremsen gesteuerter Schwingungsdämpfer.
    Am Ende aber doch schon etwas zu hoch, denn man sieht nun alles rundherum nur noch klein und wenig detailliert.
  2. Shanghai World Financial Center: mit 474m die höchste Aussichtsplattform bis 2011; stand Ende der Nuller-Jahre im Wettrennen mit dem „Taipei 101“ in Taiwan, verlor jedoch knapp.
    Eine tolle Aussicht auf Pudong und das umliegende Häusermeer und auf den großen und den kleinen Bruder.
  3. Jin Mao Tower: mit 420m das höchste Gebäude Chinas bis 2008.
    Architektonisch am schönsten, weil die Fassade sehr facettenreich gestaltet wurde. Er ist zwar deutlich kleiner als die beiden anderen Türme, aber trotzdem sehr hoch und mit tollem Blick auf die beiden neueren und höheren Brüder. Und der 33 Stockwerke tiefe Blick auf die Lobby des Grand Hyatt Hotels im Zentrum des Turms ist auch einzigartig. Ebenso der Blick von der Lobby hinauf zur 33 Stockwerke entfernten Glaskuppel.
  4. Oriental Pearl Tower: mit 486m höchstes Bauwerk (nicht Gebäude) Chinas bis 2007.
    1994 fertiggestellt, ist er noch immer das Wahrzeichen von Shanghai. Einzigartiger futuristischer Baustil der 90er-Jahre. Obgleich die Kugeln eigentlich 11 Jadeperlen darstellen sollen, sieht er eher wie eines der eigenartigen Raumschiffe aus einem Perry-Rhodan-Roman aus den 60er-Jahren aus.
    Und… die Aussichtsplattform mit dem durchgängig rundumlaufenden Glasboden auf einer Höhe von 259 Metern ist eine Sensation und ein Abenteuer, bei Tag und bei Nacht.

Es gibt viele Aussagen im Internet, dass es reicht sich einen der vier Türme anzutun und man keinesfalls auf alle 4 „klettern“ muss/soll. Das kann ich nicht bestätigen. Ich finde, jeder hat seinen eigenen Reiz und sein spezielles Abenteuer. Es kostet zwar schon nicht wenig alle vier zu besuchen, aber für uns hat es sich ausgezahlt.

Wir haben nun also 11 Tage hier in Shanghai verbracht und am Ende festgestellt, dass es zu wenig Zeit war. Das ist aber sicherlich auch unsere eher gemütlichen Art des Reisens geschuldet. Aber es sind sich eben einige Sachen nicht ausgegangen.
° Wir waren nicht am Shanghai Tower, dem vierten der vier Mega-Türme Shanghais, der sicherlich auch noch interessant gewesen wäre, alleine aufgrund seiner Höhe.
° Wir waren nicht im Shenyuan-Garten und im neuen Greenhouse, weil uns dort plötzlicher und heftiger Regen vertrieben hat.
° Wir sind nicht die West Nanjing Road spaziert, schon wieder wegen des Regens.
° Wir waren nicht am Nord-Bund und Green Land spazieren.
° Wir wollten uns noch Suzhou, eine weitere dieser Wasserstädte ansehen

Und tatsächlich bin ich etwas wehmütig von Shanghai abgereist, obwohl ich mich schon riesig auf Japan freue/freute. Also müssen wir wohl wieder nach Shanghai kommen, um den Rest unserer To-Do-Liste abzuarbeiten. Möglicherweise werden wir unsere (noch nicht geplante) zukünftige China-Reise in Shanghai ihren Ausgangspunkt haben lassen.

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