Koreas milder Verkehrswahnsinn

DrivingJejuSouthkorea2018-028In den vier Wochen die wir durch Südkorea gereist sind und den 5 Tagen die wir sogar aktiv am Autoverkehr teilgenommen haben, haben wir einige, wohl recht subjektive Erfahrungen gesammelt.
Und wie es nun so auf koreanischen Straßen? Eh‘ locker oder ein Himmelfahrtskommando?
 

Gemütliches Jeju

Vorweg, ich glaube die Verkehrssituation auf der Insel Jeju, wo wir 5 Tage mit dem Mietwagen unterwegs waren, ist entschärft und nicht ganz vergleichbar mit dem Rest Koreas. Einerseits weil die einheimischen Fahrer die Mietwagen-Karawanen mit ihren fremdartigen Fahrern gewöhnt sind und wahrscheinlich auf sie ein bisserl Rücksicht nehmen. Andererseits weil es sehr viele dieser verwirrten Touristen gibt und man in dieser Masse nicht auffällt. Und schließlich, weil fast nirgendwo schneller als 60 oder 70km/h gefahren werden darf und auch sehr oft nicht gefahren wird. Die die trotzdem brausen sind wahrscheinlich Einheimische kurz vorm Amoklauf gegen einen touristischen Schleich-Mietwagen. Oder ein junger Bursch in seinen Flitterwochen, am Höhepunkt seines Testosteronspiegels.
 

Gut beschildert

Also zuerst die positiven Erfahrungen: Die Beschilderung und die Straßenmarkierung sind sehr umfangreich und hilfreich. Vor allem eben für uns verwirrte Touristen. Auch auf großen Kreuzungen mit womöglich sogar 5 Strassen, sind hilfreiche Bodenmarkierungen die einen in die gewünschte Spur bringen. Die Verkehrsampeln sind sehr groß und fast immer auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung montiert und somit sehr gut sichtbar. Nicht so wie bei uns, wo der erste an der Haltelinie den Kopf aufs Armaturenbrett legen muss um zu sehen, wenn es Grün wird. Leider war es das schon mit den Positiven Dingen.
 
Nun das Negative: Koreaner sind angeblich sehr ungeduldige Menschen. Im Straßenverkehr merkt man das leider sehr deutlich. Sie sind auch sehr rücksichtslos. Die Spur wechseln kann man, wenn die angepeilte Spur leer ist. Hineingelassen wird man keinesfalls. Auf jeden Fall wird aber eine vorhandene Lücke schleunigst geschlossen, wenn man den Blinker zum Spurwechsel setzt. 
 
Für uns Österreicher sehr gewöhnungsbedürftig, aber in vielen anderen Ländern genauso üblich, ist der Wechsel von Grün auf Rot mit einer maximal 2 Sekunden langen Gelbphase. Da fehlt uns unsere Grün-Blink-Über-Die-Kreuzung-Husch-Phase. Und gleichzeitig erfährt man öftermal einen Schock weil die eben noch grüne Ampel im nächsten Augenblick Rot zeigt und man nur mittels Vollbremung noch vor der Haltelinie zum Stehen kommt. 
 

Allheilmittel Warnblinker

Sehr universell kommt in Korea die Warnblinkanlage zum Einsatz. Warnblinken kann die verschiedensten Bedeutungen haben, auf jeden Fall aber immer irgendetwas Arges: Ich biege links ab, obwohl ich nicht darf. Ich biege rechts ab, obwohl ich nicht darf. Ich biege ab, weiß aber noch nicht wohin. Ich bleibe jetzt einfach hier stehen, auch wenn ich alle behindere. Ich bleibe hier jetzt stehen, weil ich mein Navi bedienen muss. Ich parke hier, obwohl ich nicht darf. Ich wechsle jetzt von der ganz linken Spur zur ganz rechten, oder umgekehrt. Ständig tut irgendein Fahrzeug warnblinken und oft kamen wir nicht dahinter warum. Bei Taxis hatte ich überhaupt den Eindruck, dass diese fast andauernd warnblinken.
 
Einbahnen? Ganz ehrlich, ich kann mich nicht erinnern auch nur eine einzige Einbahn gesehen zu haben. Trotzdem, die meisten Seitengassen sind nur wenig breiter als ein PKW. Und wenn sie dann beidseitig zugeparkt waren, ging gerade noch unser Zwergen-Leihwagen hindurch. Und was macht man nun bei Gegenverkehr? Ehrlich gesagt, ich habe keine Antwort. Physik und Raumordnung scheinen kurz außer Kraft gesetzt und irgendwie, durch einen asiatischen Zauber, Feng-Shui, Kung-Fu, Dim-Sum, was auch immer, schrumpfen die Fahrzeuge auf die halbe Breite und kommen trotzdem aneinander vorbei.
 

Kreatives Parken

Und dann das Parken. Also ich war jeden Tag aufs Neue fassungslos, welche Kreativität Koreaner an den Tag legen, wenn sie ihr Fahrzeug abstellen. Es gibt keine Fläche die nicht auch als Parkplatz benutzt werden kann, wenn sie nicht gerade senkrecht ist. Ich übertreibe ganz bestimmt nicht, wenn ich behaupte, dass 80% aller hier abgestellten Fahrzeuge, in Wien augenblicklich zur Abschleppung angezeigt werden würden. Gehsteige werden sowieso in großem Stile als Parkraum verwendet. Aber auch Sperrflächen, Einfahrten, Geschäftseingänge, erste Spur und auch die zweite Spur müssen als Parkplatz herhalten. Auch haben Koreaner keinerlei Hemmungen ihr Fahrzeug so abzustellen, dass drei andere Fahrzeuge blockiert werden. Dann wird einfach die Warnblinkanlage eingeschaltet und so getan, als käme man gleich wieder. 
 
Egal in welcher Stadt wir waren, das Bild war immer das gleiche. Die Straßen sind so gestaltet, dass es so gut wie keine regulären Parkplätze gibt und daher werden die Fahrzeuge eben auf allen Nicht-Parkflächen abgestellt. 
 

Rücksichtslose Mopeds

Die Speerspitze des koreanischen Straßenverkehr-Wahnsinns sind jedoch die Zweiradfahrer. Die meisten von ihnen sind Lieferanten und Zustelldienste mit irgendwelchen übergroßen Lasten auf der Rückbank und am Gepäckträger. Quasi private Rollerfahrer sieht man nur selten. Kunterbunt bekleidet und vermummt, auf wild geschmückten und auf- und ausgerüsteten und gleichzeitig ziemlich desolaten Mopeds und Motorrädern brausen sie völlig angstbefreit und unberechenbar, kreuz und quer zur Fahrtrichtung durch die Stadt. Mit rote Ampeln wissen sie definitiv nichts anzufangen. Wenn die Straße voll ist, wechseln sie augenblicklich auf den Gehsteig, dabei reduzieren sie ihr Tempo nur geringfügig. Ebenso die letzten Meter bis zum Ziel werden am Gehsteig zurückgelegt. Um nicht mühsam links abzubiegen und dabei auf den Gegenverkehr achten zu müssen, werden die Zebrastreifen und die Grünphasen für Fußgänger genutzt. Radwege scheinen sowieso nur für Mopeds gemacht worden sein. Und zwischen zwei Autokolonnen ist immer(!) Platz für mindestens ein Moped. 
Also vor den Mopedfahrern hatte ich definitiv und wirklich Angst. Sowohl als Fußgänger, als auch als Autofahrer. Sogar im Bus.
 
Trotz alledem muss man sagen, dass der Verkehrswahnsinn in Korea eher mild ist. Ich denke mit ein wenig Übung kann man sich da rasch einfügen. Im Vergleich dazu beispielsweise der Straßenverkehr in Burma, den wir voriges Jahr erleben durften. Dort scheint es keine Verkehrsregeln zu geben. Das wichtigste Instrument ist die Hupe und als Europäer hat man keinerlei Überlebenschance.
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4 Responses so far.

  1. Doris sagt:

    ich finde diese blauen Mini-Abstandhalter total witzig. Bringen die irgendwas?
    Aber schön, dass ihr es ohne Kratzer und Beulen (am Auto und vor allem an euch) überstanden habt.
    Ich hoffe, Susanne ist nicht doch wirklich krank geworden und wünsche euch eine stressfreie Heimreise. Und dass der Jetlag anschließend nicht zu schlimm wird.
    Liebe Grüße Doris

  2. Maulwurf sagt:

    Liebe Doris!
    Ja, sie sehen zwar super-scheußlich aus, aber die bringen tatsächlich ‚was. Die Türkanten werden nicht abgeschlagen und das Nachbarauto bekommt keine Delle. Zumal hier ja wirklich ganz eng geparkt wird.
    Susanne geht es langsam aber doch besser.
    Der Jetlag wird uns spätestens morgen Abend, wenn wir wieder 7 Stunden aufgebrummt bekommen, erwischen.
    Liebe Grüße, Andreas

  3. Lilly sagt:

    Gute Heimreise und danke für eure tolle Dokumentation und schönen Fotos!
    LG Lilly

    • Sue sagt:

      Danke!
      Die Berichte und Fotos machen echt Spaß. Vor allem, wenn sie so fleißig gelesen und kommentiert werden! 🙂
      Die Berichte für die letzten beiden Tagen sind noch nicht online. Also auf ein paar weitere Eindrücke kannst du dich noch freuen.
      LG Sue

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